Ich war mit meinem Sohn auf Veloreise. Der Rhone entlang, mit dem Ziel Mittelmeer. Wir konsumierten kaum News. Nur einzelne Nachrichtenschnipsel erreichten mich. Ich konnte es nicht fassen.
Drei Jahre. Und noch immer fehlen die Worte.
Der 7. Oktober 2023 ist Geschichte. Aber er darf nicht einfach Vergangenheit werden.
Menschen wurden in ihren Häusern ermordet. Junge Menschen auf einem Musikfestival gejagt und getötet. Familien auseinandergerissen. Menschen verschleppt. Jüdisches Leben wurde zum Ziel – nicht zufällig, sondern mit Absicht.
Hinter den Zahlen stehen Namen und Gesichter. Eltern, Kinder, Grosseltern, Freunde. Menschen, deren Platz bis heute leer bleibt.
Der 7. Oktober war kein tragisches Ereignis, das einfach «passiert» ist. Es war ein Massaker. Terror. Antisemitischer Hass zeigte seine mörderische Fratze.
Drei Jahre später will ich deshalb nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Ich denke an die Opfer, ihre Angehörigen und an die Menschen in Israel, für die der 7. Oktober eine tiefe Wunde und Zäsur bleibt.
Als Christ stehe ich solidarisch an der Seite jüdischer Menschen und Israels. Nicht, weil ich jede Entscheidung einer israelischen Regierung gutheisse. Nicht aus Nationalismus oder unkritischer Israel-Schwärmerei. Meine Verbundenheit hat auch mit den Wurzeln meines Glaubens zu tun.
Jesus sagt: «Das Heil kommt von den Juden.» (Joh 4,22) Jesus war Jude. Seine ersten Jünger waren Juden. Unser christlicher Glaube ist untrennbar mit der Geschichte Gottes mit Israel verbunden.
Paulus gebraucht dafür das Bild vom Ölbaum: Wir Christen aus den Völkern sind nicht die Wurzel, sondern eingepfropfte Zweige. Und er warnt vor Überheblichkeit: «Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.» (Röm 11,18)
Das gibt uns Christen allen Grund zur Demut gegenüber dem jüdischen Volk – und keinen einzigen zur Überheblichkeit.
Antisemitismus statt Empathie – wie kommt das?
Nach dem 7. Oktober hätte eines selbstverständlich sein müssen: Mitgefühl mit den Opfern. Stattdessen wurde Terror teilweise relativiert – und alter Judenhass fand neue Worte.
Antisemitismus ist nicht tolerierbar. Nicht von rechts. Nicht von links. Nicht religiös begründet. Und auch nicht dort, wo alter Judenhass in neuer Sprache daherkommt.
Genauso klar ist: Musliminnen und Muslime sind nicht die Hamas. Palästinenser sind nicht die Hamas. Wer den Terror des 7. Oktober verurteilt, darf daraus keinen Generalverdacht gegen Menschen muslimischen Glaubens ableiten. Und das Leid unschuldiger palästinensischer Menschen darf uns als Christen nicht gleichgültig sein.
Christliche Nächstenliebe bedeutet nicht, Gut und Böse nicht mehr unterscheiden zu dürfen. Sie bedeutet aber, jedem Menschen seine von Gott gegebene Würde zuzugestehen.
Unsere Solidarität mit Israel darf uns nicht blind machen für das Leid palästinensischer Menschen.
Unser Mitgefühl mit Palästinensern darf uns nicht blind machen für Antisemitismus und die Realität des Terrors.
Und unsere Überzeugungen dürfen niemals dazu führen, ganze Menschengruppen zu dämonisieren.
Wir folgen keinem Nationalismus. Wir folgen Jesus Christus – dem jüdischen Messias und Retter der Welt.
Deshalb stehen wir auf, wo Menschen entmenschlicht werden. Wo Juden wieder Angst haben müssen, sich als Juden zu erkennen zu geben. Wo Muslime unter Generalverdacht gestellt werden. Wo Israelis pauschal zu Tätern und Palästinenser pauschal zu Terroristen gemacht werden.
Vielleicht braucht es gerade jetzt weniger Parolen und mehr Klarheit:
Terror bleibt Terror.
Antisemitismus bleibt Antisemitismus.
Menschenwürde bleibt Menschenwürde.
Wir vergessen den 7. Oktober nicht.
Und wir beten für einen Frieden, in dem jüdische und palästinensische Kinder eine Zukunft haben.
Verfasser

Jim Bühler
Pastor
Weitere Beiträge
gesehen – (un)gefragt – gesegnet
Perspektiventag Perspektive 3D – Bern Viele Babyboomer bringen einen reichen Schatz an Lebenserfahrung, Glauben und Verantwortung mit – und fragen sich zugleich, wo und wie sie heute in der Gemeinde gefragt sind. Dieser Tag lädt ein, innezuhalten, zuzuhören und gemeinsam zu entdecken, welche Rolle Erfahrung, geistliche Reife und Engagement in einer Gemeinde im Wandel spielen…
Von Perlen in der Wüste
Talk-Gottesdienst mit Deborah Keller So. 25. Oktober 2026 – 10:00 Uhr Wahrscheinlich kennst du ihren Namen noch nicht – ihren Bildern bist du aber vielleicht schon begegnet: Deborah Keller gestaltet liebevoll illustrierte Bibelverskarten und Ermutigungshefte. Deborah stammt aus dem Wynental im Aargau und lebt heute in Neftenbach ZH. Sie beschreibt sich als «verheiratet, zweifache Mutter,…
Humor & Heiterkeit
Frauezmorge Sa. 7. Nov. 2026 Die Referentin Beatrix-Adelheid BöniBeatrix-Adelheid Böni lebt in Bleienbach und arbeitet alsTheologin, individuelle psychologische Beraterin mit eigener Praxis und ist Clown-Pädagogin Humor und Heiterkeit tun dem Herzen gut! Beide Ressourcen zählen zu den Gaben, die dem Menschen eine besondere Würde verleihen. Allerdings kommen diese Fähigkeiten bei unzähligen Leuten nicht zur Entfaltung….


